Vor sechs Jahren gründete der Israeli Moovit. Die Mobilitäts-App ist ein Riesenerfolg – auf den auch Microsoft aufmerksam geworden ist.

Gerade einmal knapp 20 Minuten Autofahrt liegen zwischen der Innenstadt von Tel Aviv und dem südlich gelegenen Städtchen Ness Ziona. Doch es liegen Welten zwischen den beiden Städten: Hier die hippe Start-up-Metropole Tel Aviv, da die Monotonie eines Gewerbegebiets mit Retorten-Büroimmobilien. Nir Erez hat trotzdem entschieden, das Hauptquartier seines Unternehmens Moovit dort anzusiedeln.

Vielleicht auch, weil der Israeli nach vielen Jahren als Gründer weiß, worauf es ankommt. Dabei könnte es sich Erez durchaus leisten, das Hauptquartier von Moovit an einer prominenteren Stelle zu errichten: Laut eigenen Angaben deckt die gleichnamige Mobilitäts-App mehr als siebzig Prozent mehr Daten über den globalen öffentlichen Nahverkehr ab als Google Maps.

Die App zeigt verkehrsmittelübergreifend alle Informationen zum vom Nutzer angegebenen Standort an: Wie komme ich von A nach B? Wann kommt der Bus? Und lässt praktischerweise auch ein Uber-Fahrzeug zu sich rufen oder direkt ein Fahrrad mieten. In Deutschland läuft die App in Berlin, München oder der Rhein-Ruhr-Region. Für Erez und sein Unternehmen interessieren sich nicht nur renommierte Investoren, sondern nun auch ein multinationaler Tech-Konzern.

Wie Moovit in dieser Woche auf dem am Donnerstag zu Ende gegangenen Web Summit in Lissabon verkündete, wird MicrosoftPartner. Das Start-up werde in Zukunft Daten über den öffentlichen Nahverkehr für Microsofts Kartendienst Azure Maps bereitstellen.

Auf sein Alter angesprochen schmunzelt der 52-Jährige: „Im Maßstab des Start-up-Ökosystems würde man das als sehr alt ansehen.“

Seit über zwanzig Jahren ist Erez als Gründer aktiv: Zuerst im Silicon Valley, wo er sein erstes Softwareunternehmen aufzog: „Ich habe dort das Platzen der Internetblase erlebt – ich habe den Hype gesehen und den immensen Absturz. Das hat mir viel über Unternehmertum beigebracht“, sagt der Physiker dem Handelsblatt heute. Zum Beispiel, dass Start-ups selten am Hunger sterben, sondern durch Überfressen, weil man den Fokus verliere.

Viele Erstgründer würden dazu neigen, ihrem Unternehmen zu verfallen, sagt der Manager: „Ich denke, dass das riskant ist.“ Wenn man seine Kinder anschaue, könne man mit der Tatsache leben, dass sie nicht perfekt seien, mein Erez: „Aber ein Start-up ist nicht dein Kind, du musst es objektiv anschauen.“ Auch wenn er natürlich immer sehr leidenschaftlich an seinen Start-ups gehangen habe.

Moovit ist sein drittes: Nachdem er sein Start-up an der US-Westküste 2003 verkauft hatte, kehrte er mit seiner Familie in seine Heimat Israelzurück. Er startete 2004 ein Start-up für Halbleiter in Tel Aviv: „Das war sehr neu für mich und eine intensive Erfahrung“, sagt Erez heute. Er sei viel gereist und habe viel Zeit in sterilen, fensterlosen Räumen verbracht.

Nach sechs Jahren verließ er das operative Geschäft und zog sich in die Rolle des Teilhabers zurück. Er beschäftigte sich lieber mit digitalen Konzepten rund um die Mobilität – unter anderem lernte er die Navigations-App Waze kennen, ebenfalls ein israelisches Start-up, das von Google gekauft wurde. Er sah sofort die Chancen.

Realität wurden diese, als er eines Tages beim Training für einen Marathon mit einem Verkehrsingenieur ins Gespräch kam. Dieser erzählte, wie unterversorgt die Nutzer öffentlicher Verkehrsmittel wie Busse und Bahnen seien, erinnert sich Erez: „Auch wenn ich wegen des Trainings wenig Sauerstoff im Gehirn hatte, habe ich eins und eins zusammengezählt.“

Der Mitläufer war Yaron Evron, Mitgründer von Moovit. Und Erez stieg in das Unternehmen ein. Seit der Gründung 2012 verzeichnet das Unternehmen stetiges Wachstum: In 85 Ländern sammelt das Unternehmen täglich vier Milliarden anonyme Datenpunkte von seinen über 300 Millionen Nutzern. Seit drei Quartalen mache das Unternehmen Gewinn, sagt Erez.

Die App ist kostenlos, Geld verdient Moovit mit Partnern wie Autovermietern oder dem Bereitstellen von Daten an Städte, Infrastruktur- oder Transportunternehmen, die so beispielsweise die Frequenz an einzelnen Bahnhöfen messen können.

Doch nicht nur Microsoft glaubt an das Start-up aus Israel, zu den Investoren zählt neben Intel Capital, dem Luxusunternehmer Bernard Arnault oder Keolis, einem Tochterunternehmen der französischen Bahn, auch BMW. Für Ulrich Quay, Managing Partner bei BMW i Ventures war Erez selbst ein wichtiger Grund, bei Moovit einzusteigen. „Nir ist eine durchsetzungsstarke Persönlichkeit mit einer klaren Vision, viel Mut und ambitionierten Zielen.“ Auch Shmuel Chafets, General Partner beim Berliner Wagniskapitalgeber Target Global, kennt Erez seit Jahren und lobt seine Fähigkeiten als Unternehmer: „Gleichzeitig ist er eine sehr bescheidene Person, die mit dem Fahrrad ins Büro fährt und immer eine offene Tür für sein Team hat.“

Quelle: Handelsblatt