Handelsblatt: Shmuel Chafets in der Nahaufnahme; Ein Top-Investor geht auf Einhornjagd

Shmuel Chafets arbeitet für einen der größten Start-up-Fonds Europas. Was muss ein Gründer mitbringen, damit er ihm Geld gibt? Unser Autor hat ihn einen Tag lang begleitet.

Tel AvivManchmal wenn er zuhört, da sieht Shmuel Chafets fast ein wenig so aus, als hätte er Zahnschmerzen: Er verzieht das Gesicht, schließt die Augen und atmet schwer. Durch eine Lautsprecherbox hört er die nervösen Stimmen zweier Gründer, die gerade versuchen, Chafets und eine aus London zugeschaltete Analystin von ihrem Geschäftsmodell zu überzeugen. 20 Minuten haben sie dafür Zeit.

Sie können Chafets nicht sehen, sonst würde ihnen vermutlich der Mut vergehen. Er lässt den Kopf ruckartig auf die Brust fallen, hebt den Kopf, schaut aus dem Fenster, fängt an auf seinem Handy rumzutippen. Die Fragen stellt seine Kollegin aus London, am Ende des Telefonats deaktiviert Chafets die Stummtaste: „Danke für eure Zeit, Guys“ und legt auf. Er schüttelt den Kopf: „Das hat mich nicht überzeugt.“

Nach Telefonaten wie diesem entscheidet Chafets, ob ein Investment weiter vorantreibt oder nicht. Chafets ist General Partner bei Target Global – der Wagniskapitalgeber aus Berlin ist mit seinen 700 Millionen Euro einer der größten für Start-ups aus Europa. Target Global wurde 2015 in Berlin gegründet. Zu den Investments zählen bekannte Unternehmen wie die Gebrauchtwagen-Plattform Auto1, Delivery Hero (Lieferheld, Foodora) oder der Smart-Home-Anbieter Smartfrog.

Die drei gehören auch zu den bisherigen Erfolgsgeschichten des Kapitalgebers: Nach einem Investment der japanischen Softbank gehört Auto1 zu den wenigen deutschen Einhörnern, wie Start-ups mit einer Bewertung von mehr als einer Milliarde Euro genannt werden. Delivery Hero ist mittlerweile an der Börse gelistetSmartfrog übernahm vor kurzem einen US-Konkurrenten.

Doch woran erkennt Chafets, ob vor ihm der nächste Hakan Koc oder Niklas Östberg sitzt oder nur ein Träumer ohne echte Ambition? Und wie erkennt ein Investor, ob nicht nur der Gründer genug auf dem Kasten hat, sondern auch sein Geschäftsmodell verspricht? Das Handelsblatt hat Chafets einen Tag lang begleitet, um das herauszufinden.

Er ist an diesem Dienstag im Oktober in Tel Aviv unterwegs. Der gebürtige Israeli will in seiner Heimat nach dem Rechten sehen. Target Global hat auch israelische Start-ups unter seinen „Portfolio-Unternehmen“, wie es im Investoren-Sprech heißt. An diesem Tag lässt sich nicht nur erkennen, was erfolgreiche Gründer ausmacht. Der Tag birgt auch Aufschluss über lohnende Geschäftsmodelle, die unterschiedlichen Rollen eines Investors und die Eigenarten deutscher Vertriebsmitarbeiter.

Der erste Termin des Tages ist ein Treffen mit Vatbox, einem Dienst, der Unternehmen bei der Rückforderung von Mehrwertsteuern unterstützt – kompliziert, unsexy, aber ein riesiger Markt. Chafets und der Gründer treffen sich im Café. Chafets ist zuerst da. Das Café liegt strategisch günstig, eine Straße weiter befindet sich der Sarona Market in dessen Umkreis Konzerne wie die Deutsche Telekom oder Daimler sitzen.

Chafets hat noch einen Anschlusstermin – mit wem, will er nicht sagen: „Es geht um Geld“, sagt er lachend. Wie er seinen Terminkalender in 24 Stunden gepackt bekommt, bleibt zumindest an diesem Tag ein Rätsel. Neben drei Telefonaten mit Start-up-Gründern, stehen fünf Termine mit bereits bestehenden Investments auf der Agenda, mindestens drei weitere sind mit Kollegen aus der Branche vereinbart, das leise Brummen des Smartphones endet fast nie.

Es ist früher Morgen in Tel Aviv, ein frischer Wind vom Mittelmeer weht durch die Straßen der israelischen Metropole, trägt den Smog der Nacht weg. Der Himmel ist klar, die Sonne brennt schon jetzt auf der Haut. Auch im Oktober steigen die Temperaturen hier oft über dreißig Grad. Als Chafets in dem Café in der Innenstadt Platz nimmt, zieht er sich dennoch einen leichten Pullover über die Schultern.

„Israelis pegeln Innenräume gerne auf Eisschrank-Niveau ein“, sagt er und nickt in Richtung der Menschen zwei Tische weiter, die nur mit einem T-Shirt bekleidet sind und sich an ihren heißen Kaffeetassen festzuklammern scheinen. Wahrscheinlich Touristen, die zum ersten Mal im Land sind – den Fehler mache man nur einmal, sagt der Geschäftsmann lachend.

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