Handelsblatt: Rekordsumme für Wefox

Berliner Start-up Wefox sammelt Rekordsumme bei Investoren ein

Das Insurtech hat 110 Millionen Euro bei internationalen Kapitalgebern eingesammelt – so viel wie noch kein anderes deutsches Versicherungs-Start-up.

Frankfurt, DüsseldorfWenn Start-up-Gründer ihr Geschäftsmodell vorstellen, geht es oft um analoge Produkte, die in eine digitale Welt übertragen werden. Wenn Julian Teicke die Pläne für sein Versicherungs-Start-up Wefox Group vorstellt, geht es um eine Vision: Versicherungskunden sollen künftig laufend überwacht werden – mit dem Smartphone, dem vernetzen Auto und allerlei Sensoren in ihrer Wohnung.

Wann immer ein Risiko droht, schlägt der Versicherer der Zukunft Alarm: Die Kunden können das Risiko dann entweder vermeiden, oder sie erhalten automatisch den nötigen Versicherungsschutz. Einen Teil dieser Vision will Teicke schon in wenigen Wochen verwirklichen.

Finanzielle Unterstützung bekommt er dafür von internationalen Investoren. Wie der 32-Jährige dem Handelsblatt bestätigt, hat seine Unternehmensgruppe gerade 110 Millionen Euro (125 Millionen Dollar) Eigenkapital erhalten. So viel Geld hat bislang noch kein anderes deutsches Versicherungs-Start-up eingesammelt – noch dazu ist es erst seine zweite Finanzierungsrunde. Insgesamt haben Investoren dem Unternehmen bisher rund 151 Millionen Euro anvertraut.

Das zeigt: Nach den Finanz-Start-ups (Fintechs), die Dienstleistungen rund um das Geschäft traditioneller Banken entwickeln, setzen Investoren jetzt verstärkt auf Insurtechs aus der Versicherungswelt. Besonders viel Geld erhalten Firmen, deren Geschäftsmodell sich international ausweiten lässt.

Wefox wurde Ende 2014 unter der Marke Financefox in der Schweiz gegründet – von Teicke und seinem Vater Hartmut, einem Spezialisten aus der Versicherungsbranche. Inzwischen ist das Start-up zu einer Unternehmensgruppe herangewachsen, die ihren Hauptsitz in Berlin hat. Zu der Gruppe gehören drei Geschäftsbereiche: ein digitaler Marktplatz, über den Versicherer, Versicherungsmakler und Kunden verbunden werden und auf dem Wefox als Makler auftritt.

Vor einem Jahr kam ein Erstversicherer namens One hinzu, den Wefox selbst betreibt. Und die dritte Säule ist eine Vertriebsplattform, die intern den Namen „Nexus“ trägt – lateinisch für „Verflechtung“. Sie wurde zeitgleich mit One gestartet und soll Daten von One und künftig auch anderen Versicherern verknüpfen. Das soll laut Teicke die Basis für individualisierte Angebote werden.

Die breite Aufstellung zieht weltweite Investoren an. Während die ersten Geldgeber überwiegend aus Europa stammten, wird die neue Finanzierungsrunde von Mubadala Ventures, dem Staatsfonds Abu Dhabis, angeführt. Gemeinsam mit Softbank aus Japan hat Mubadala gerade einen europäischen Investmentfonds gegründet. Wefox ist die erste Investition.

Globale Geldgeber

Daneben haben erstmals Creditease – ein Fintech aus China – und die US-Investmentbank Goldman Sachs investiert. „Unsere Bestandsanleger haben ihre Investitionen ebenfalls erhöht“, sagt Teicke. Dazu gehören Target Global, Horizons Ventures, Speedinvest und Sound Ventures von Hollywood-Schauspieler Ashton Kutcher.

Nach dieser Finanzierungsrunde kann sich Wefox mit den erfolgreichsten deutschen Fintechs messen. Nach einer Analyse der Beratungsfirma Barkow Consulting haben bisher nur drei Fintechs insgesamt mehr Geld eingesammelt als Wefox: Spitzenreiter ist die Smartphone-Bank N26. Sie hat 441 Millionen Euro eingeworben. Zugleich ist sie Deutschlands erstes Fintech-Einhorn – Start-ups, die mit mindestens einer Milliarde Euro bewertet werden.

Bei N26 sollen es 2,3 Milliarden Euro sein. Auf Platz zwei liegt die Kreditplattform Kreditech mit bislang 257 Millionen Euro und auf Platz drei mit 168 Millionen Euro die Zinsplattform Weltsparen, die international als Raisin firmiert.

Mit seinen drei Geschäftsbereichen unterscheidet sich Wefox wesentlich von anderen Insurtechs. Wettbewerber sind meist entweder als Makler oder Vermittler (Simplesurance, Clark, Moneymeets), als Technologiedienstleister (Kasko, Massup, Relayr) oder als Anbieter mit eigener Versicherungslizenz, sogenannte „Neo-Insurer“, tätig (Coya, Ottonova, Element).

Insgesamt sieht Teicke das Unternehmen mehr als Partner denn als Angreifer der traditionellen Assekuranzakteure. „Wir unterstützen sowohl Makler als auch Versicherer“, sagt er. International gebe es für diese breite Positionierung kein Vorbild. Der eigene Versicherer ähnelt jedoch dem US-Anbieter Lemonade.

Im vergangenen Jahr hatte der Konkurrent sogar eine Klage gegen die Berliner erhoben. Vorgeworfen wurden Teicke unter anderem eine Urheberrechtsverletzung und Vertragsbruch. Später wurde die Klage fallen gelassen, nachdem Wefox Änderungen in seinem Angebot vorgenommen hatte.

Mehr gute Ideen, mehr Investitionen

Johannes-Tobias Lorenz, Senior Partner bei McKinsey, beobachtet ein großes Investoreninteresse an deutschen Insurtechs. „Wenn es noch mehr gute Ideen gäbe, würde auch noch mehr Geld investiert“, sagt der Berater. So wurde jüngst beispielsweise das Volumen von Allianz X, dem Venture-Capital-Fonds der Allianz, auf eine Milliarde Euro aufgestockt und damit fast verdoppelt.

Deutschland sei für Investoren sehr attraktiv und noch nicht zu hoch bewertet, meint Lorenz. Den Kapitalgebern gefalle, dass es hier einen großen Binnenmarkt gebe und die Menschen ein Grundverständnis dafür hätten, viele Risiken abzusichern. Das sei nicht in jedem Land so. Positiv sei auch die gut vernetzte Tech-Szene in Berlin und München – und dass es viel Versicherungs-Know-how bei den Insurtech-Gründern gebe.

Dass Insurtechs erst einige Jahre nach den Fintechs durchstarten, hat für Thomas Hillar, Unternehmensberater bei Capgemini Invent, diverse Gründe: „Versicherungsprodukte und ihre Regulierung sind eher national geprägt, wesentlich stärker als Bankprodukte“, sagt er. „Für eine große Finanzierungsrunde muss das Geschäftsmodell international skalierbar sein.“

Hinzu komme: „Bei der Digitalisierung der Kundenschnittstelle sind Banken den Versicherern meist einige Jahre voraus.“ Insurtechs müssten bei den Kunden „noch wesentlich größere Überzeugungsarbeit leisten“.

Teicke glaubt, dass die Zeit dafür gekommen ist – und hat entsprechend große Expansionspläne. Von dem neuen Kapital sollen 60 Millionen Dollar in den Ausbau des digitalen Versicherungsmarktplatzes fließen. In der Schweiz, in Deutschland und Österreich ist Wefox schon aktiv.

In Spanien und Italien befindet sich die Plattform gerade in der Testphase. „In den nächsten zwölf Monaten wollen wir auch in Frankreich und den Niederlanden vertreten sein“, sagt Teicke. Binnen 18 Monaten stehe Asien auf der Agenda: Japan, dann Korea und schließlich China, wo auch der Investor Creditease helfen soll.

Die Basis für die Expansion ist gut. Im vergangenen Jahr hat das Unternehmen mit 200 Mitarbeitern einen Umsatz von 40 Millionen Euro gemacht. Davon seien mehr als 90 Prozent auf Wefox entfallen. Zuletzt seien damit 400 000 Kunden erreicht worden.
Auch der hauseigene Versicherer One soll 50 Millionen Dollar vom neuen Kapital erhalten. Bislang bietet er nur eine Kombination aus Hausrat- und Haftpflichtpolice an.

Im zweiten Quartal soll laut Teicke das Produkt „Travel Light“ folgen. Das ist der erste Schritt hin zu seiner Vision einer datengetriebenen Police. Der Clou: Sobald sich Kunden am Flughafen befinden, wird ihnen eine Reise-Unfallversicherung angeboten. Möglich ist das dank der Standortdaten in der Smartphone-App. Auch eine Ski- und eine Fahrrad-Unfallversicherung sollen folgen.

Warnen, bevor ein Schaden entsteht

Mehr als 70.000 Kunden hat Teicke nach eigenen Angaben schon mit One gewonnen. Monatlich kommen 5000 bis 6000 hinzu. Vertrieben wird das Angebot hauptsächlich über Wefox als Makler. One versucht, seine Kunden davon zu überzeugen, Parameter wie Arbeitszeit, Schlaf, Bewegung und den Standort zu erfassen, um das individuelle Risiko besser zu ermitteln. So kann sogar die Versicherungsprämie sinken. „Wenn es gelingt, Kunden zu einem risikobewussteren Verhalten zu animieren, senkt das die Schadenkosten für den Versicherer“, erklärt Simon Nörtersheuser, Geschäftsführer von Policen Direct, einem Zweitmarktanbieter für Lebensversicherungen und Mitherausgeber des Insurtech-Radars, die Strategie.

Teickes Ziel: „Versicherer werden künftig keine finanziellen Dienstleister mehr sein, die für einen Schaden zahlen, sondern sie werden warnen, noch bevor ein Schaden entsteht.“ Unterstützung bekommt er dabei vom Rückversicherer Munich Re. „Wir erhalten beispielsweise Daten zu weltweiten Niederschlägen oder auch die neuesten Kriminalstatistiken“, sagt der Gründer. „So können wir unsere Kunden künftig warnen, wenn sie sich in einer gefährlichen Gegend aufhalten.“ Dann könne eine Diebstahlversicherung sinnvoll sein.

Die größte Herausforderung für Insurtechs ist nach Ansicht von Lorenz die Kundenakquise. Zudem sei es für die Start-ups schwierig, die Schadenskosten richtig zu bepreisen. „Gerade junge Unternehmen ziehen häufiger schlechte Risiken an“, so Lorenz. Bei One jedoch ist für solche Kunden die Police teurer. „Kunden mit hohen Risiken bezahlen mehr“, bestätigt Teicke.

Das dritte Standbein, in das die übrigen 15 Millionen Dollar fließen sollen, ist die Technologieplattform mit dem internen Namen „Nexus“. Dank Datenanalyse werden darüber maßgeschneiderte Marketingkampagnen für One geschaltet.

„In die Plattform sollen künftig all unsere Versicherungspartner eingebunden werden“, so Teicke. Zudem werde die Plattform über Datenschnittstellen bei anderen Partnern wie dem Fahrdienst Uberintegriert. „Langfristig wird die Plattform der wertvollste Bestandteil unserer Gruppe“, so der Gründer.

Heikles Thema Datenschutz

Niki Winter, Director bei Willis Towers Watson, ist skeptisch, ob ein solcher Versicherungsschutz in einem Land wie Deutschland, in dem Datenschutz eine wichtige Rolle spielt, große Chancen hat. „Telematiktarife im Kfz-Versicherungsbereich sind in Deutschland bisher ein Nischenprodukt“, so Winter. Datenschutz sei ihm wichtig, hält Teicke dagegen: „Personenbezogene Daten dürfen nicht in den Besitz von Unternehmen kommen, sondern gehören den Menschen.“

Sein Plan: Der Schweizer Dienstleister Axon Vibe wird als unabhängiger Datenintermediär eingeschaltet. Die Rohdaten werden vom Smartphone der Kunden dorthin gesendet und nicht zu One oder Wefox. „One weiß nicht, wo der Kunde ist, sondern erhält von Axon Vibe beispielsweise nur die Information ‚Eintritt in ein Skigebiet‘.“

Trotz dieser Vorkehrung dürften viele Kunden ein mulmiges Gefühl haben oder sich gar an den Überwachungsstaat aus George Orwells Roman 1984 („Big Brother is watching you“) erinnert fühlen. Auch Teicke weiß, dass seine Vision etwas unheimlich klingt, doch er gibt sich sicher: „Diese Entwicklung ist nicht aufzuhalten, und ich möchte dabei sein, um sie positiv mitzugestalten.“

Quelle: Handelsblatt

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